Meister Hito erzählte folgende Geschichte:
In einem fernen Land lebte die Prinzessin Yu-­Ta, die des Lebens im Palast überdrüssig war. Sie ging zu ihrem Vater, dem König und sagte: „Vater, ich bin traurig, unzufrieden und des Lebens im Palast überdrüssig. Ich mag kaum noch von einem zum anderen Tag leben, so unerfreulich und sinnlos erscheint mir alles“. Da erschrak der König, denn er liebte seine Tochter. Er rief seine drei höchsten Ratgeber zusammen, um über das Problem zu beraten und Abhilfe zu schaffen. Als sie alle versammelt waren, sagte der König: „Meine geliebte Tochter ist traurig, unzufrieden und des Lebens im Palast überdrüssig, so dass sie keine Freude am Leben hat. Welchen Rat könnt Ihr mir geben?“ Da sagte der erste Ratgeber: „Lasst ihr dreimal am Tag ihr Leibgericht bringen, so wird ihre Lebensfreude zurückkehren!“ Und der zweite Ratgeber schlug vor: „Gebt ihr jeden Tag drei neue Kleider, so wird ihre Lebensfreude zurückkehren!“ Der dritte Ratgeber aber meinte: „Gebt ihr jeden Tag drei große Edelsteine, so wird ihre Lebensfreude zurückkehren!“ Da ließ der König seiner Tochter drei Jahre lang jeden Tag dreimal ihr Leibgericht bringen, gab ihr jeden Tag die neue Kleider und drei große Edelsteine.

Als drei Jahre vergangen waren, ließ er seine Tochter zu sich kommen und fragte: „Ich habe Dir drei Jahre lang jeden Tag dreimal Dein Leibgericht bringen lassen, habe Dir jeden Tag drei neue Kleider und drei große Edelsteine gegeben. Ist also dadurch jetzt Deine Lebensfreude zu Dir zurückgekehrt“? Seine Tochter antwortete: „Ach Vater, meine Lebensfreude ist ferner von mir denn je“. Und sie verbarg ihr Gesicht unter den Händen, weinte bitterlich und ging zurück zu ihren Gemächern. Da war der König ganz ratlos und verzweifelt, und ging in den Tempel, um zu beten. Dort kniete er nieder und murmelte leise: „Ihr Götter, nichts vermag die Traurigkeit und den Überdruss meiner Tochter zu vertreiben. Helft mir, dass sie ihre Lebensfreude wiederfindet!“ Dies hörte ein Mönch, der im Tempel Dienst tat. Er ging zum König, verneigte sich und sagte: „Mein König! Ich will, versuchen Eurer Tochter Yu-­Ta zu helfen“! Da wunderte sich der König und erwiderte: „Ehrwürdiger, was hast Du, ein Mönch, dem nichts gehört, meiner Tochter zu geben, damit sie ihre Lebensfreude wiederfindet“? Der Mönch antwortete: „Ich will ihr drei wunderbaren Dinge geben, und ihre Lebensfreude wird zu ihr zurückkehren“! Da dachte der König: „Ich habe alles versucht, so wird auch dies nichts schaden“. Zu dem Mönch aber sagte er: „Gut, so komm in meinen Palast und gib meiner Tochter, was Du zu geben hast“.

Als sie beide in den Palast zurückgekehrt waren, ließ der König seine Tochter herbeirufen und der König sagte zu ihr: „Meine Tochter, dieser ehrwürdige Mönch behauptet, er könne Dir Deine Lebensfreude zurückgeben. Höre auf ihn und befolge seine Anweisungen“. Die Prinzessin verneigte sich und sagte: “Ich werde tun, was Du verlangst mein Vater“, und sah den Mönch erwartungsvoll an. Da gab der Mönch die Anweisung: „Edle Prinzessin, stellt Euch jeden Abend, bevor Ihr schlafen geht, die folgende Frage: Welche drei wunderbaren Dinge sind mir heute begegnet? Und geht nicht eher schlafen, als bis Ihr die Antwort gefunden habt“. Die Prinzessin sagte: „So will ich es tun, Ehrwürdiger“, und sie gingen auseinander.

Am nächsten Morgen fragte sie der Mönch: „Edle Prinzessin, habt ihr die drei wunderbaren Dinge gefunden“? Die Prinzessin antwortete: „Ach Ehrwürdiger, ich habe die ganze Nacht nicht schlafen dürfen, denn ich fand kein einziges“. Da forderte sie der Mönch auf: „So berichtet mir was ihr am vergangenen Tag erlebt habt, edle Prinzessin“. „Am Morgen erwachte ich, weil ein Vogel vor meinem Fenster sang, als ob er nur für mich sänge“. Der Mönch sagte: „Das war das Erste“. „Am Mittag verlor ich meinen Ring, der sehr kostbar war, den ich aber noch nie leiden konnte“. Der Mönch sagte: „Das war das Zweite“. „Und am Abend zerbrach mein Webrahmen, so daß ich nicht weiterarbeiten konnte und stattdessen den Sternenhimmel betrachtete“. Da sagte der Mönch: „Und das war das Dritte der wunderbaren Dinge. Geht und berichtet mir morgen früh, welche drei wunderbaren Dinge euch heute begegnet sind“.

Am nächsten Morgen fragte der Mönch wiederum, ob sie die drei wunderbaren Dinge gefunden habe, und sie sagte: „Ja, Ehrwürdiger, ich habe sie gefunden: Ich hörte das unendliche Rauschen eines Baumes, ich fühlte den Wind auf meiner Haut, und ich sah eine Mutter mit ihrem Kind spielen“. Da sagte der Mönch: „So berichte mir auch morgen, welche drei wunderbaren Dinge Euch begegnet sind“. Am nächsten Morgen aber kam die Prinzessin ganz aufgeregt zu dem Mönch gelaufen und rief: „Ehrwürdiger! Du hast gesagt, ich sollte jeden Tag die drei wunderbaren Dinge finden, aber gestern Abend habe ich vier entdeckt! Täusche ich mich, oder hast Du dich geirrt?“ Da lächelte der Mönch, verneigte sich und ging aus dem Palast zurück in den Tempel. Die Prinzessin Yu-­Ta aber beobachtete von nun an jeden Tag mit Aufmerksamkeit alles, was ihr begegnete und jeden Abend schlief sie lächelnd ein. Als der erhabene Meister Hito seine Geschichte beendet hatte, sprach er zu seinen Schülern: „So befolgt auch Ihr die Worte des weisen Mönchs und eines Tages werdet Ihr erkennen, dass jeder von Euch ein Wunder inmitten von wunderbaren Dingen ist“.